Feierliche Enthüllung des erneuerten Lohrmann-Grabsteines am 05. April 2008 auf dem Elias-Friedhof

Einladung

1.                  Begrüßung durch den Vorsitzenden des Wilhelm-Gotthelf-Lohrmann-Clubs 
            Prof. Johann Walter

1.1.      Nachkommen WGL

1.2.      den Hausherren: Vertreter der Friedhofsverwaltung

1.3.            Magnifizenz Kokenge und die anderen Vertreter der TU Dresden  (Lohrmann- Obser-
vatorium, Kustodie und Dezernat Technik)

1.4.      Vertreter der HTW

1.5.      Math-Phys Salon

1.6.      Vertreter der Denkmalpflege des Landes und der Stadt

1.7.      Vertreter des Deutschen Vereins für Vermessungswesen

1.8.      Mitglieder des Lohrmann-Clubs

2.               Dresdner Rathauspfeifer (Buschbeck)
           Georg Philipp Telemann: moderato mejestoso

3.                  Zum Gedenken an Wilhelm Gotthelf Lohrmann 
      Prof. Johann Walter

3.                  Enthüllung des rekonstruierten Grabsteins 
      Gertrud Rückert, geb. Lohrmann

4.                  Dresdner Rathauspfeifer

           Mozart: Maurergesang

5.              Grußwort des Rektors der Technischen Universität Dresden    
      Magnifizenz Prof. Hermann Kokenge

6.                  Dresdner Rathauspfeifer

            Graap: Intrade       

7.                  Abschluss

8.1.            Dank an alle, die Veranstaltung möglich gemacht und vorbereitet haben, Dresdner Rathauspfeifer unter Herrn Buschbeck

8.2.      Dank an alle Anwesenden fürs Kommen

8.3.      Guten Nachhauseweg und Schönes Wochenende

 


Zum Gedenken an Wilhelm Gotthelf Lohrmann anlässlich der Enthüllung einer Kopie seines Grabsteines auf dem Elias-Friedhof zu Dresden
am 05. April 2008 (Professor Walter)

·        Es ist selten auf einem Friedhof, dass eine Freude eine Gruppe von Menschen zusammenführt und nicht die Trauer. Wir trauern nicht um den hier seit 168 Jahren begrabenen Wilhelm Gotthelf Lohrmann, wir freuen uns, dass es mit seinem neuen Grabstein gelungen ist, sein Andenken auch an seinem Grab wach zu halten.

·        Trotzdem sind wir vielfältig der damaligen Situation verbunden. Wir kennen die Trauergemeinde.

o       Seine 2. Ehefrau Henriette geb. Raschig schrieb über die Beerdigung in ihr Tagebuch: "D.20sten Februar starb mein guter, mir ewig unvergesslicher Mann an dem Nervenfieber, 14 Tage hatte er nur gelegen. Den 23sten wurde er Nachmittags 3 Uhr beerdigt, der Präsident von Wintersheim ging mit ihm, sowie alle Lehrer und Schüler von der polytechnischen Anstalt und eine große Anzahl seiner Freunde, mein Bruder kam auch mit Nellen her." Sie muss eine tapfere und tatkräftige Frau gewesen sein, heiratete sie doch 1828 einen Witwer mit 5 unmündigen Kindern. Dieser starb ihr dann 3 Tage nach dem 12. Hochzeitstag mit nur 44 Jahren.
Diese Stelle hier auf dem Elias-Friedhof war der Familie vertraut. In Sichtweite sind mehrere Familienmitglieder, so seine erste Frau, begraben. Von Lohrmanns 10 Kindern starben 5 vor ihm. Von denen liegen hier an dieser Stelle seine älteste Tochter und ein Sohn begraben. Sie starben mit 18 bzw.16 Jahren, 2 Jahre bzw. 4 Monate vor ihm. Sein Sohn Heinrich wurde dann auch hier, 13 Jahre später, mit im Grab des Vaters bestattet. Sie können nachher die Inschrift auf dem Stein lesen.
Wir müssen heute viel älter werden als damals, damit uns ein Friedhof vertraut wird. Und wir müssen erst lernen, dass uns auf einem Friedhof nicht nur das bewegt, was wir verloren haben, sondern auch das, was bleibt und uns weiter begleitet. In diesem Sinne halte ich es eben für gut, dass ein Friedhof nicht altert und verfällt und damit eines Tages auch stirbt, sondern auch bewahrt. Halten Sie sich bitte vor Augen, dass - anders als heute - noch bis vor ca. 100 Jahren auch der Friedhof ein Ort der Kunst war. Der Kunst als Grabmalskunst und als - wir würden heute sagen Landschaftsgestaltung/Stadtmöblierung. Irgendwie passen die Begriffe nicht recht; sehen Sie sich Friedhofsteile von heute an, dann merkt man warum. Was die Familie Lohrmann und ihre Zeitgenossen damals für das Bewahren des Andenkens ihrer angehörigen mit Kunst leisten wollten, das haben heute unsere Friedhofsverwaltungen, Landschaftsgärtner und Denkmalpfleger wohl wieder zu beleben und dafür schulden wir ihnen an diesem Grab besonderen Dank.

o       Neben der Familie finden wir die Berufskollegen am Grab. Prof. Löwes Grabrede ist überliefert. Wir wissen, wie viel Mühe es gekostet hat, wie viel Hürden zu überwinden waren, in Dresden eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung für Techniker zu etablieren. Ab 1828 sehen wir Lohrmann - ich darf heutigen Sprachgebrauch verwenden - als Gründungsrektor der späteren Technischen Universität. Die ersten 12 Jahre Sorgen sind die seinen gewesen. Heute steht sein Amtsnachfolger, Magnifizenz Kokenge (wenn ich sagen darf vielleicht auch stellvertretend für die ganze Dresdner technische Hochschulausbildung), an Lohrmanns Grab, die Universität geht auf ihren 200. Geburtstag zu und ist inzwischen ein Koloss geworden, aber die Sorgen ihrer Rektoren sind wohl zu keiner Zeit geringer geworden. Ich darf nur an die Mühen um ein neues sächsisches Hochschulgesetz erinnern. Sie lesen sich wie die in den Jahren vor 1828.
Ich meine aber nicht nur administrative Mühen. In Prof. Löwes umständlichem Deutsch seiner Grabrede liest man es zwischen den Zeilen: Ein tatsächlich junger, dynamischer Direktor ist gestorben. Wer passt in diese großen Fußtapfen, wer bringt genug Willen zum Neuen mit? Wer ist genügend technischer Enthusiast? Der preußische Minister von Alvensleben 1839: "Die Kapitalisten sind ... nicht geeignet, industrielle Unternehmen gehörig zu würdigen; selbst die reellsten Entwürfe zu Aktienvereinen finden im Allgemeinen wenig Anklang. Jeder zieht es vor, sein Vermögen, statt es der Industrie zuzuwenden, in Hypotheken ... anzulegen, um die Früchte desselben mit möglichster Ruhe genießen zu können." Die Parallele zu heute ist deutlicher nicht denkbar. Was ist ein Ingenieur wert? Wie steht es um den Stellenwert der technischen Bildung? Deutschland hat einen drastischen Mangel an Ingenieuren. Aber hören Sie Alarmglocken, so laut wie um manche Bank? Der Transrapid tut richtig weh, oder eine Nummer kleiner die Neigetechnikzüge. Sehen wir doch in die Zeitung: Sollen wir Banker mit dem Hinterland des Steuerzahlers werden oder ein (selbstverständlich reiches) Mitglied der Spassgesellschaft? Übrigens Eisenbahnprobleme: Lohrmanns Aktien an der Maschinenbauanstalt in Übigau (4800 Taler - bei 1700 Talern letztem Jahresgehalt) waren bei seinem Tode praktisch nichts mehr wert. Trotzdem sah er technische Bildung als Investition in die Zukunft.

o       Neben dem Rektor der TU stehen heute noch zwei andere Amtsnachfolger Lohrmanns mit an seinem Grab: Dr Schillinger und Dr. Plaßmeyer für den Mathematisch-Physikalischen Salon, und in deren Sinne auch die Kustodie der TU mit Dr. Mauersberger. 1827 gab es diese Sammlung schon über 200 Jahre. Was mich heute an Lohrmanns Grab bewegt, ist die Frage, wie wir mit dem musealen technischen Erbe umgehen. Wir können nicht den Salon fortführen mit unseren heutigen technischen Sammlungen. Die Technik hat sich einfach von der Kunst getrennt und folgt fast immer nüchterner Zweckmäßigkeit, das ist bestimmt richtig. Aber wie viel wissen unsere Studenten von der Geschichte ihres Faches? Fragen Sie, wo Sie können die Studenten von heute, ob sie den Mathematisch-Physikalischen Salon, die Technischen Sammlungen der Stadt oder die Kustodie der TU kennen. Auf Schloss Freudenstein in Freiberg öffnet in diesem Jahr eine Maschinensammlung. All das sind keine Kuriositätenkabinette, sondern technisches Wissen, das wir in das Bewusstsein junger Leute bringen müssen. Lohrmann hatte diesen Kampf mit der Modellkammer durch.
Nun denke ich, wir sind da in Sachsen auf dem richtigen Weg. Trotzdem kann ich mich des Eindrucks einer gewissen Bewusstseinsspaltung nicht erwehren. Industrielle Probleme (wie Leuchttürme!) sind nicht nur betriebswirtschaftlicher oder gar volkswirtschaftlicher Natur, man möge auch den technischen Hintergrund bedenken und auch dies in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, der Eltern unserer zukünftigen Studenten und Lehrlinge rücken.

o       An Lohrmanns Grab werden unter den von Henriette Lohrmann erwähnten Freunden auch seine Logenbrüder gestanden haben, so wie heute, auch wenn es nicht mehr "seine" sind. Die Freimaurer wirken wesentlich im Verborgenen. Ich führe sie deshalb hier an. Es genügt nicht, gesellschaftlichen Konsens zur technischen Bildung zu haben oder als Politiker darüber zu sprechen, als Journalist darüber zu schreiben. Es ist wichtig, dass wir alle es uns zur tätigen Aufgabe werden lassen, dafür zu wirken.

o       Lohrmann war Mitglied des Stadtparlamentes. Ich weiß nicht, ob die Stadt Dresden an seinem Grabe vertreten war, nehme es aber nicht an. Seien Sie mir nicht böse, ich habe 168 Jahre später die Stadtverwaltung auch nicht eingeladen. Was damals das Gaslicht war, ist heute wohl zum Brückenproblem mutiert. Wem die Bemerkung zu bitter ist, der zähle nur einfach das bis jetzt ausgegebene Geld und die bis jetzt verstrichenen Jahre zusammen.

·        Sie merken es: Wir stehen mit unseren Problemen von heute an Lohrmanns Grab nicht sehr viel anders als seine Familie und seine Kollegen damals mit den ihren. Das bringt uns sehr viel Nähe zum Menschen Lohrmann, bei allen uns bekannten Würdigungen seiner Leistungen.

·        Ich sprach am Anfang über die Freude, dass Lohrmanns Grabstein sein Andenken weiter wach hält. So sehr wir uns als Lohrmann-Club darum bemüht haben, wollen wir doch mit Dankbarkeit an diejenigen denken, die das erst möglich gemacht haben.

o       Als Erster ist hier Arthur Weichold zu nennen, der das Lohrmann-Buch geschrieben hat. Es ist nicht nur ein Lohrmann-Buch - das Lebensbild eines hervorragenden Geodäten, Topographen, Astronomen, Meteorologen und Förderers der Technik (so der Untertitel), sondern (1985 erschienen) fast schon ein Kompendium der Lohrmannschen Lebenszeit. Arthur Weicholds Verdienste reichen aber noch eine Generation weiter zurück. So gehen die Erinnerungstafel am Meridianstein in Rähnitz, die Amtskette des Rektors zu DDR-Zeiten und die Lohrmann-Erinnerungsplakette sicher auf das Zusammenwirken von ihm und Altmagnifizenz Peschel zurück. Letzterer führte 1955 als Rektor die Nachfahren Lohrmanns zusammen (in der Verwandtschaft wird das Familienbild an der Meridiansäule in Rähnitz bekannt sein). Vieles aus Lohrmanns Nachlass ist am 13. Februar 1945 verbrannt, 1955 konnten so viele andere noch verfügbaren Erinnerungen zusammengetragen werden.

o       Als nächstes sind die Geldgeber zu würdigen. Neben den Nachfahren Lohrmanns sind hier der Lohrmann-Club, die TU mit den Baudezernenten Dr. Knoop und Herrn Standtke und der Deutsche Verein für Vermessungswesen zu nennen. Sie alle haben zusammen den nicht unerheblichen Betrag von gut 4500 Euro aufgebracht, dieses Grabmal von Wilhelm Gotthelf Lohrmann zu erneuern. Es ist nun nicht nur dieser Betrag allein, für den wir zu danken haben, es ist auch das Durchhaltevermögen für die Idee, das hier über viele Jahre wach geblieben ist.
Sie haben den neuen Stein noch nicht sehen können, aber wir wollen auch dem Steinbildhauermeister Vogel für seine Arbeit hier schon danken.

o       Drittens haben wir der Friedhofsverwaltung und den Denkmalpflegern zu danken. Ich habe eingangs die Probleme geschildert, die wir im Umgang mit Friedhöfen heute haben. Ich freue mich und bin einfach dankbar, dass alles zu einem einvernehmlich guten Schluss gekommen ist und wir heute hier stehen können.

o       Ein vierter und besonders wichtiger Dank geht an Frau Gertrud Rückert. Sie ist als Ur-Ur-Enkelin Wilhelm Gotthelf Lohrmanns diejenige gewesen, die über viele, sehr viele Jahre den Mut und die Hoffnung nicht verloren hat, die Zähigkeit mit und gegen Viele bewiesen und uns am Ende bis hierher gebracht hat. Deshalb steht es ihr alleine zu, uns allen den neuen Stein nun zu zeigen und ich möchte sie bitten, dies jetzt zu tun.

 

Grußwort des Rektors der TU Dresden, Magnifizenz Professor Hermann Kokenge

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, heute – im Namen des Rektoratskollegiums der TU Dresden – bei der Enthüllung des Grabsteines für den Gründer unserer Universität, Wilhelm Gotthelf Lohrmann, dabei sein zu dürfen. Ihm gilt heute unser Gedenken.

Und so möchte ich heute seine Verdienste, wenn auch unvollständig, zu würdigen versuchen.

Lohrmann wurde gerade einmal 44 Jahre alt. In dieser auch für damalige Verhältnisse eher kurzen Lebenszeit aber hat er Außergewöhnliches und Nachhaltiges für Wissenschaft und Wirtschaft geleistet, nicht zuletzt für den Aufbau der vor nunmehr fast 180 Jahren gegründeten Dresdner Technischen Bildungsanstalt, der Vorgängerin unserer heutigen TU Dresden geleistet.  

Lohrmann hatte sich durch Bildung und intensives Studium an der damals der Kgl. Sächs. Akademie der Künste angeschlossenen Bauschule wissenschaftliche Grundlagen angeeignet, die für sein innovatives Berufsleben Voraussetzungen waren. Exzellente geistige Veranlagungen, verbunden mit praktischer Befähigung, Hartnäckigkeit und Flexibilität zeichneten Lohrmann aus.

Zudem konnte er auf handwerkliche Erfahrungen und Fertigkeiten zurückgreifen, die er während seiner Kindheit und Jugend in der unmittelbaren Arbeitsumwelt der Dresdner Ziegeleien erworben hatte. Seine Talente waren gefragt in einer Zeit, die von politischen Erschütterungen, Reformstau und vor allem durch die technische Revolution gekennzeichnet war. Es galt, scheinbar bewährte und ausgetretene Pfade zu verlassen, um Neues zu schaffen, ohne dabei in blinden Aktionismus zu verfallen.  

Lohrmann gehört zu den Sachsen, die im Bewusstsein der Bevölkerung aufgrund ihrer außergewöhnlichen Leistungen für das Land auch heute noch fest verankert sind. Über ihn wurden wissenschaftliche Abhandlungen, Monographien, populäre Presseartikel geschrieben, ja selbst im Medium Film wurde sein Leben dokumentiert.

 In den folgenden Ausführungen möchte ich einige ausgewählte Aspekte zum Lebenswerk von Wilhelm Gotthelf Lohrmann herausgreifen, die für unsere Universität und ihr Umfeld von besonderer Bedeutung sind:

Lohrmann kannte infolge seiner beruflichen Tätigkeit in der Kameralvermessungsanstalt, die mit ständigem Reisen verbunden war, das Königreich Sachsen wie seine Westentasche. Er wusste von den Problemen und Nöten, aber auch um die Chancen dieses Landes, dessen Bevölkerung mit technischer Innovation seit Jahrhunderten auf besondere Weise verbunden war.

Lohrmann gab sich mit seinem Brotberuf aber keineswegs zufrieden. So hatte er sich in seiner Wohnung eine mit vorzüglichen Instrumenten ausgerüstete Privatsternwarte eingerichtet und stand in brieflichem und persönlichem Kontakt zu so bedeutenden Astronomen wie Friedrich Wilhelm Bessel und Carl Friedrich Gauß, den er bereits 1826 in Göttingen besucht hatte. Lohrmanns astronomisches Hauptwerk ist die „Topographie der sichtbaren Mondoberfläche“ (1824), die noch 1963 – fast 150 Jahre nach der ersten Auflage – wieder herausgebracht wurde und selbst in dieser neuen Auflage rasch vergriffen war.

Oberinspektor Lohrmann war sicher auch wegen seiner vielfältigen persönlichen und institutionellen Vernetzung prädestiniert für die Übernahme des Vorsteheramtes der Technischen Bildungsanstalt im Mai des Jahres 1828. Er verkehrte in einem engeren elitären Kreis Dresdner Gelehrter, zu dem beispielsweise Carl Gustav Carus gehörte, er hatte gute Kontakte zur Königlichen Familie und pflegte Beziehungen zu Unternehmern und Handwerkern. Die enge Zusammenarbeit mit anderen bedeutenden Dresdner Wissenschaftseinrichtungen, wie der Chirurgisch-medizinischen Akademie, der Kunstakademie und den weltberühmten Dresdner Kunstsammlungen, waren für ihn selbstverständlich. Ihm oblag auch der Vorstand des Kgl. Mathematischen Salons.

Lohrmann rang stets um Akzeptanz und Ausbau der Bildungsanstalt. Neben beachtlichen Erfolgen bei der strukturellen und inhaltlichen Entwicklung musste er aber auch Rückschläge verkraften, sich mit anderen konzeptionellen Auffassungen auseinandersetzen und immer wieder vermitteln und Kompromisse schließen. An eine Hochschule nach heutigem Verständnis war damals noch nicht zu denken, und für die Landesuniversität Leipzig war die Technische Bildungsanstalt keine Konkurrenz.

Was sie aber auszeichnete, waren innovative Schritte, wie die enge Verbindung mit der industriellen Praxis und erste Formen der Weiterbildung von bereits im Beruf Tätigen.

Obwohl Lohrmann an der Technischen Bildungsanstalt nicht selbst lehrte, der er ja in einer Form von Nebenamt vorstand, wirkte sich sein tiefes Verständnis für Mathematik, Geodäsie und Astronomie auf die Wahl der Lehrkräfte und auf die Lehrinhalte aus. So gewann er Gotthelf August Fischer, bei dem er selbst studiert hatte, als Mathematikprofessor. Fischer brachte seinen Schüler Johann Andreas Schubert mit, der – wie wir wissen – die Entwicklung der Dresdner Lehranstalt und auch die technische Entwicklung in Sachsen dann maßgeblich beeinflussen sollte (erste deutsche Dampflokomotive Saxonia, Göltzschtalbrücke, Elbedampfschifffahrt). Lohrmann unterstützte den Maschinenbau und Schuberts Übigauer Unternehmungen nachhaltig.

Bereits 1832 gehörten an der Technischen Bildungsanstalt Kartenzeichnen und praktische Vermessung in die Lehrpläne. Damit wurde maßgeblich von Lohrmann einem dringenden wirtschaftlichen Anliegen entsprochen, zumal der Bau von Eisenbahnen seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Sachsen geradezu boomte.

Der von Lohrmann geförderte Geodäsiekurs umfasste auch astronomische Lehrinhalte. Nach wie vor ist das Observatorium des 1913 errichteten Beyer-Baus ein Wahrzeichen der TU Dresden.

Im Januar 1840 war Wilhelm Gotthelf Lohrmann offiziell zum Direktor der Sächsischen Kameralver­messungs­anstalt ernannt worden. Wenig später, am 20. Februar 1840, verstarb er, im 45. Lebensjahr stehend, an einem „nervösen Fieber“, wie das sächsische Finanz­ministerium berichtete. Als er am 23. Februar 1840 hier auf dem Eliasfriedhof bestattet wurde, hielt Maximilian Leopold Löwe, ein Professor der Chirurgisch-medizinischen Akademie, der gleichzeitig an der Technischen Bildungsanstalt lehrte, die Grabrede.

Schüler und Lehrer der Bildungsanstalt trauerten gemeinsam mit seinen Familienangehörigen, Vertretern der Ministerien und des Stadtrates, Freunden und Kollegen aller höheren Bildungseinrichtungen um Wilhelm Gotthelf Lohrmann, dem Gründungsvater der heutigen TU Dresden. Ihm gilt auch heute noch unser aufrichtiges, ehrendes Gedenken.